Jurassica

Das stark patente Interview

Hallo Jurassica Parka. Ich freue mich, dass du dir Zeit für ein Interview mit dem Rainbowguide genommen hast.
Seit einigen Monaten versuchen wir, ein LGBT-Netzwerk aufzubauen, welches sowohl über die Lokalitäten und Events der Szene aufklären soll, andererseits aber auch soziale Aufgaben wie Aufklärungsarbeit und Hilfe in Angriff nehmen möchte. Wichtiger Grundbaustein ist dabei die Schwulen- und Lesbenszene in den großen deutschen Städten. Wie beurteilst du als viel reisender Künstler die Situation? Gibt es starke Unterschiede zwischen den verschiedenen Stadtszenen (rein auf das Menschliche bezogen) oder fallen hauptsächlich Gemeinsamkeiten auf? Welche Besonderheiten sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Ja, das stimmt, ich bin sehr viel unterwegs. Die LGBT-Communites unterscheiden sich schon etwas. Gerade wenn ich in kleineren Städten gebucht bin, fällt mir das sehr auf. Dort feiern zum Beispiel Jungs, Mädchen und alle Zwischenformen miteinander. So etwas gibt es in großen Städten wie Berlin relativ selten. Die dortige Szene ist viel größer, und jede Spielart der persönlichen Vorliebe hat dort eigene Partys oder Lokalitäten. Was einerseits natürlich toll ist, die Szene aber auch unnötig separieren kann.

Mit dem Projekt „RainbowInsurance“ hat RainbowGuide vor kurzem mit der Aufklärung über Versicherungsmöglichkeiten für HIV-Positive begonnen – schließlich lehnen die meisten Versicherer Infizierte grundsätzlich ab. HIV und AIDS sind auch in Berlin ein Problemthema. Wie gehst du mit der ständigen Präsenz der Infektionskrankheiten im Nachtleben und somit an deinem Arbeitsplatz um?

Nun, das hört sich ja an, als würde ich auf Sexpartys arbeiten, so ist es ja nun nicht. HIV ist im Nachtleben eigentlich kein Thema, wieso auch, das ist ja kein Thema für eine Partynacht. Je länger ich in der Szene unterwegs bin, und je mehr Menschen ich kennenlerne, sehe ich natürlich, wie weit das HI-Virus verbreitet ist. Sagen wir es mal so: Berlin ist die Hauptstadt des Barebackings, machen wir uns da nichts vor. Jeder muss selber wissen, was er macht, oder was er eben auch nicht macht. Ich denke, dass die vielen Hepatitis C-Infektionen das größere Problem sind. Da dieses Virus zwar nur über das Blut übertragen wird, dafür aber mehrere Wochen an Oberflächen überleben kann, stellt das gerade beim Drogenkonsum ein riesiges Problem dar. Machen wir uns auch hier nichts vor, die Berliner Szene liebt die Drogen. Und ein Ziehröhrchen ist schnell geteilt, und wenn man Pech hat, steckt man sich durch eine Line Koks schnell mit Hepatitis C an. Bislang ist dies noch relativ aufwändig zu therapieren, einige Bekannte von mir hatten damit 2 Jahre zu tun, manche Formen sind noch gar nicht heilbar. Da ist HIV mittlerweile viel besser zu kontrollieren.

Rainbowguide ist als Partner des Ken Clubs bei einem der aussichtsreichsten Party-Startups in Deutschland 2014 dabei. Wie denkst du über die Schwul-Lesbische Partyszene? Sind neue Partys überhaupt notwendig? Was macht eine wirklich individuelle und erlebnisreiche Party aus?

Oh Gott, das ist eine schwierige Frage. Ich bin ja nun auch schon seit Jahren immer mal wieder als Veranstalterin tätig. Ob eine Party funktioniert oder nicht, hängt von so vielen Faktoren ab. Ein Patentrezept gibt es nicht. Generell sind neue Partys immer gut, ich denke aber, dass das Partyvolk immer anspruchsvoller wird, besonders, wenn es in die größeren Städte geht. Einfach nur einen Club anmieten und einen DJ hinter die Pults zu stellen, reicht meistens nicht aus.

Viele Drag-Künstler halten sich zivil aus der Schwulenszene heraus. Wie sieht es bei dir aus – gehst du auch mal in zivil weg?

Nun, ich bin beruflich natürlich sehr viel im Nachtleben unterwegs. Dass ich mir auch privat die Nächte um die Ohren schlage, die Zeiten sind schon seit Längerem vorbei. Das liegt aber nicht daran, dass mich das Ganze nicht mehr wirklich mitreißt oder interessiert, sondern einfach am Alter. Ich brauche zwischen den Wochenenden einfach so viel Tageslicht wie möglich. Spaziergänge mit meinem Mann und Hund, zeitig ins Bett und ausschlafen sind wichtig. Außerdem hört meine Arbeit ja nicht außerhalb der Disco auf. Die sozialen Netzwerke müssen immer aktuell gehalten werden, die Buchhaltung muss gemacht werden… außerdem produziere ich ja für meinen YouTube-Kanal ständig Videos. Das ganze muss gedreht und geschnitten werden. Das würde ich alles gar nicht schaffen, wenn ich auch noch privat feiern würde.

Zu allerletzt noch eine – vielleicht typische – Frage: Wie sieht der Alltag einer Jurassica Parka aus? Wie bereitest du dich auf einen Auftritt vor, was passiert in den wenigen Stunden, bevor du als Riesen-Frau das Nachtleben eroberst?

Ich stehe meistens gegen 11 Uhr auf. Als Freiberuflerin habe ich ja das große Glück, mir meine Zeit selbst einteilen zu können. Nach einer Gassirunde mit dem Hund setze ich mich mit einem Earl Grey an den Rechner und erledige bis 15 oder 16 Uhr Büroarbeit. Sollte ich an dem Tag noch einen Job haben, gibt es folgenden Ablauf: Duschen, Zähne putzen, Rasieren. Dann zwei Stunden in die Maske. Manchmal gibt es dabei einen Schminksekt, aber für gewöhnlich nehme ich den ersten Drink erst zu mir, wenn ich in der Location bin. In der Regel bin ich dann zwischen 4 und 7 Uhr morgens wieder Zuhause. Das varriert natürlich stark.

Vielen Dank für das Interview.